Glauben in Gebärdensprache
Kirche in der eigenen Sprache erleben und mitgestalten
Glaube braucht Ausdruck. Menschen erzählen von dem, was sie hoffen und woran sie zweifeln. Sie beten, hören biblische Geschichten, empfangen einen Segen und feiern gemeinsam Gottesdienst.
Für viele Menschen geschieht all das in Lautsprache. Für gehörlose Menschen kann die Deutsche Gebärdensprache die Sprache sein, in der sie sich ausdrücken, miteinander kommunizieren – und auch ihren Glauben leben. Gebärdensprache ist dabei nicht einfach ein Hilfsmittel, um gesprochene Sprache zugänglich zu machen. Sie ist eine eigenständige Sprache. Und für viele gehörlose Menschen gehört sie zu ihrer Identität und zur Gehörlosenkultur.
Inklusive Kirche bedeutet deshalb mehr, als gesprochene Worte in Gebärdensprache zu übersetzen. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen in ihrer eigenen Sprache glauben, beten, feiern und Kirche mitgestalten können.
DGS ist eine eigene Sprache
Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) hat eine eigene Grammatik und eigene sprachliche Strukturen. Sie funktioniert visuell und nutzt neben den Händen unter anderem Mimik, Körperhaltung und Bewegung.
Das bedeutet auch: Ein deutscher Text lässt sich nicht einfach Wort für Wort in DGS übertragen.
Gerade bei kirchlichen Texten kann das eine Herausforderung sein. Predigten, Gebete und liturgische Texte arbeiten häufig mit abstrakten Begriffen, Sprachbildern oder komplizierten Satzstrukturen.
In der Gehörlosenseelsorge zeigt sich deshalb ein wichtiger Perspektivwechsel:
Nicht die Gebärdensprache muss sich unseren kirchlichen Texten anpassen. Vielmehr sollten wir unsere Texte und unsere Sprache von Anfang an so gestalten, dass ihre Botschaft auch in Gebärdensprache gut ausgedrückt werden kann. Das bedeutet auch, die eigene Sprache immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.
Glauben in der eigenen Sprache
In welcher Sprache wir beten, über unseren Glauben sprechen oder eine biblische Geschichte hören, ist nicht gleichgültig. Sprache ermöglicht nicht nur, Informationen zu verstehen. In ihr drücken Menschen Gedanken, Gefühle, Erfahrungen und Vorstellungen aus. Deshalb macht es einen Unterschied, ob ein Gottesdienst in Gebärdensprache gefeiert wird oder ob ein lautsprachlicher Gottesdienst durch Gebärdensprachdolmetscher*innen zugänglich gemacht wird.
Beides ist wichtig – aber es ist nicht dasselbe.
Bei einer Verdolmetschung bleibt die Lautsprache die Ausgangssprache des Gottesdienstes. Dolmetscher*innen ermöglichen gehörlosen Menschen, daran teilzunehmen.
Ein Gottesdienst in DGS dagegen entsteht von Anfang an in Gebärdensprache. Gebärdensprache ist dann nicht die Übersetzung des Gottesdienstes, sondern die Sprache des Gottesdienstes selbst.
Nicht nur dabei sein, sondern mitgestalten
Inklusion bedeutet nicht nur, einem vorhandenen Angebot folgen zu können. Menschen sollen ihre Erfahrungen, Fähigkeiten und Perspektiven einbringen und Kirche mitgestalten können.
Wie selbstverständlich das in gebärdensprachlichen Gemeinden sein kann, zeigt die Geschichte der Evangelischen Gehörlosengemeinde Hamburg: Gehörlose Ehrenamtliche werden dort seit vielen Jahren zu Lektor*innen ausgebildet. Sie gebärden Bibeltexte und Gebete, wirken beim Abendmahl mit und gestalten auch selbstständig Gottesdienste. Familiengottesdienste werden in einem Team vorbereitet, in dem überwiegend gehörlose Eltern mitarbeiten.
Ein besonders schönes Bild für diesen Perspektivwechsel bietet ein gemeinsamer Gottesdienst von gehörlosen und hörenden Menschen: Ein gehörloses Gemeindemitglied kann ein Gebet in Gebärdensprache sprechen. Dann wird nicht die Lautsprache für die gehörlose Person übersetzt, sondern die Gebärdensprache für die hörende Gemeinde „gevoict“, also in Lautsprache übertragen.
Plötzlich wird sichtbar: Nicht eine Sprache ist selbstverständlich und die andere die Ergänzung. Menschen brauchen unterschiedliche Zugänge, um miteinander Gottesdienst zu feiern.
Gehörlosenseelsorge ist Kirche in Gebärdensprache
In der Nordkirche gibt es eine eigene Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge mit Ansprechpersonen in verschiedenen Regionen. Zu ihrer Arbeit gehören unter anderem Seelsorge, Gottesdienste und kirchliche Angebote in Gebärdensprache.
Die Gehörlosengemeinden sind dabei nicht einfach besondere Angebote für Menschen, die an einem lautsprachlichen Gottesdienst nicht teilnehmen können. Sie sind Orte kirchlichen Lebens mit eigenen Traditionen, Gemeinschaften und Formen, Glauben auszudrücken.
Das zeigt sich z.B. auch an der langen Geschichte der Evangelischen Gehörlosengemeinde Hamburg. Ehrenamtliche prägen und tragen das Gemeindeleben seit Jahrzehnten mit. Dazu gehören Lektor*innen ebenso wie Gottesdienstteams und der Gebärdenchor.
Gerade deshalb sollten gebärdensprachliche Gemeinden und Gehörlosenseelsorge nicht nur unter dem Stichwort Barrierefreiheit wahrgenommen werden. Sie zeigen vielmehr, wie vielfältig Kirche sein kann. Gehörlosenseelsorge ist dabei kein zusätzliches Angebot am Rand kirchlicher Arbeit. Sie ermöglicht kirchliches Leben in Gebärdensprache und schafft Räume, in denen gehörlose Menschen ihren Glauben leben, Gemeinschaft erfahren und Kirche selbst gestalten. Wo solche Strukturen fehlen, geht deshalb mehr verloren als ein besonderes Angebot: Es geht ein Zugang zu Kirche in der eigenen Sprache verloren.
Gemeinsam Gottesdienst feiern
Gleichzeitig möchten gehörlose und hörende Menschen selbstverständlich auch gemeinsam Kirche erleben. Gebärdensprachdolmetscher*innen können dabei Zugänge zu Gottesdiensten, Taufen, Trauungen, Konfirmationen und anderen kirchlichen Veranstaltungen eröffnen. Sie ermöglichen nicht nur, dem Geschehen zu folgen, sondern auch selbst mitzuwirken.
Dabei lohnt es sich, frühzeitig zu überlegen, was für eine gute gemeinsame Feier gebraucht wird. Wo stehen Dolmetscher*innen, damit sie gut gesehen werden können? Sind Licht und Sichtverhältnisse geeignet? Wie können gehörlose Menschen selbst liturgische Aufgaben übernehmen? Und welche Teile des Gottesdienstes können vielleicht von Anfang an gemeinsam visuell gestaltet werden?
Denn ein inklusiver Gottesdienst entsteht nicht allein dadurch, dass etwas übersetzt wird. Er entsteht dort, wo unterschiedliche Menschen gemeinsam Gottesdienst gestalten und feiern können.
Glauben in Gebärdensprache erleben
Wie Gebärdensprache Teil kirchlichen Lebens sein kann, zeigt ein Film aus der Auferstehungskirchengemeinde Hamburg-Lohbrügge. Er entstand im Rahmen eines Gottesdienstes in Gebärdensprache und gibt zugleich Einblick in den Weg der Gemeinde zu mehr Inklusion.
Film und Beitrag „Inklusion in der Auferstehungskirchengemeinde Lohbrügge“
Unterschiedliche Sprachen – unterschiedliche Bedürfnisse
Dabei ist eine Unterscheidung wichtig: Gehörlose, schwerhörige und spätertaubte Menschen haben nicht automatisch dieselben Bedürfnisse.
Für viele gehörlose Menschen, die mit Gebärdensprache aufgewachsen sind, ist DGS die erste oder bevorzugte Sprache. Sie kann eng mit der eigenen Identität und der Gehörlosenkultur verbunden sein.
Schwerhörige Menschen nutzen dagegen häufig Lautsprache. Je nach Hörvermögen können für sie zum Beispiel gute Akustik, technische Unterstützung wie eine induktive Höranlage, ein deutliches Mundbild oder Schriftdolmetschung hilfreich sein.
Auch spätertaubte Menschen haben oft andere Voraussetzungen. Viele von ihnen sind mit Lautsprache aufgewachsen und verlieren ihr Hörvermögen erst im Laufe ihres Lebens. DGS ist deshalb häufig nicht ihre vertraute Sprache. Für sie können beispielsweise Schriftdolmetschung, technische Hilfen oder andere Formen visueller Kommunikation passender sein.
Diese unterschiedlichen sprachlichen Erfahrungen können auch das Selbstverständnis prägen. Deshalb sollte nicht allein vom Hörvermögen darauf geschlossen werden, welche Form der Kommunikation ein Mensch braucht oder bevorzugt.
Auch hier gilt ein Grundsatz inklusiver Kirche: nicht voraussetzen, sondern fragen und gemeinsam planen.
Kirche mit vielen Sprachen
Vielleicht verändert Gebärdensprache schließlich auch unseren Blick darauf, was Sprache in Kirche überhaupt ist. Glaube findet nicht nur im gesprochenen Wort statt. Menschen glauben mit ihren Erfahrungen und Gefühlen, mit ihrem Körper und ihren Sinnen. Sie drücken Glauben durch Worte und Gebärden, durch Musik, Bilder, Symbole, Bewegung und Stille aus.
Gebärdensprache macht diese Vielfalt auf besondere Weise sichtbar.
Eine inklusive Kirche muss deshalb nicht eine Form finden, die für alle Menschen gleichermaßen funktioniert. Sie darf vielmehr eine Kirche mit unterschiedlichen Sprachen und Ausdrucksformen sein. Diese Vielfalt braucht nicht nur Offenheit, sondern auch verlässliche Orte, Strukturen und Menschen, die sie ermöglichen.
Eine Kirche, in der Menschen ihren Glauben in ihrer eigenen Sprache ausdrücken können – und in der wir neugierig darauf sind, die Sprache der anderen kennenzulernen.
Aktuelle Infos aus dem Arbeitsfeld und Kontaktpersonen in anderen Landeskirchen finden sie auf der Homepage der DAFEG
Die DAFEG – Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge e. V. ist der bundesweite Zusammenschluss der evangelischen Gehörlosenseelsorge in Deutschland. Sie vernetzt Menschen und Einrichtungen, die in diesem Arbeitsfeld tätig sind, vertritt deren Interessen und setzt sich dafür ein, dass gehörlose Menschen Kirche und Gemeindeleben in Deutscher Gebärdensprache (DGS) selbstbestimmt mitgestalten und erleben können.
Die vielfältigen Recherchen für die Reihe "Kirche ohne Barrieren" hat Maret Zedler (FÖJ bei der Infostelle Klimagerechtigkeit) durchgeführt.