Auf dem Bild ist das Logo der Vereinten Nationen zu sehen: Das Design zeigt “eine Karte der Welt mit einer azimutalen gleich weit entfernten Projektion zentriert am Nordpol, umrahmt von einem Kranz aus herkömmlichen Zweigen des Olivenbaums. Die Kontinente und die Zweige sind hier in der Farbe weiß auf einem blauen Hintergrund dargestellt.Die Projektion der Karte erstreckt sich auf 60 Grad südlicher Länge und schließt fünf konzentrische Kreise ein.“ Auf dem Bild ist das Logo der Vereinten Nationen zu sehen: Das Design zeigt “eine Karte der Welt mit einer azimutalen gleich weit entfernten Projektion zentriert am Nordpol, umrahmt von einem Kranz aus herkömmlichen Zweigen des Olivenbaums. Die Kontinente und die Zweige sind hier in der Farbe weiß auf einem blauen Hintergrund dargestellt.Die Projektion der Karte erstreckt sich auf 60 Grad südlicher Länge und schließt fünf konzentrische Kreise ein.“

Seelsorge für alle: Barrieren abbauen – Begegnung ermöglichen

Menschen suchen Seelsorge aus unterschiedlichen Gründen: weil sie trauern oder in einer Krise stecken, eine Entscheidung treffen müssen, nach Sinn oder nach Gott fragen – oder einfach jemanden brauchen, der zuhört.

Seelsorge soll für alle Menschen zugänglich sein. Behinderungen, psychische Belastungen oder Erkrankungen, Schwierigkeiten beim Sprechen oder Verstehen oder andere Voraussetzungen dürfen den Zugang zu seelsorglicher Begleitung nicht erschweren.

Doch was braucht es, um Barrieren abzubauen und inklusive Seelsorge zu ermöglichen?

Barrieren beginnen nicht erst an der Tür

Bei Barrierefreiheit denken wir häufig zuerst an den Ort, an dem Seelsorge stattfindet:

  • Gibt es Stufen?

  • Ist der Raum mit einem Rollstuhl erreichbar?

  • Gibt es eine barrierefreie Toilette?

Das ist wichtig. Aber der Zugang zur Seelsorge beginnt viel früher.

  • Können Menschen überhaupt erfahren, dass es ein Seelsorgeangebot gibt?

  • Sind die Informationen darüber verständlich und zugänglich?

  • Gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, Kontakt aufzunehmen – zum Beispiel telefonisch, schriftlich oder digital?

  • Und können Menschen mitteilen, was sie für eine gute seelsorgliche Begegnung benötigen?

Auch Zeit kann eine Barriere sein. Manche Menschen brauchen länger, um ihre Gedanken zu formulieren oder sich auf eine neue Situation einzustellen. Andere benötigen Pausen oder können seelsorgerische Angebote nur zu bestimmten Tageszeiten gut nutzen.

Seelsorge sollte deshalb nicht nur mögliche Barrieren in Räumen, sondern auch bei Informationen, Kontaktwegen, Zeiten, Formaten und Abläufen in den Blick nehmen.

Seelsorge kann auch zu den Menschen kommen

Nicht alle Menschen können oder möchten ein Gemeindehaus, eine Beratungsstelle oder ein Pfarrbüro aufsuchen. Wege können zu weit, Räume nicht zugänglich oder die Hürde, an einen unbekannten Ort zu kommen, zu groß sein.

Inklusive Seelsorge fragt deshalb auch:
Müssen die Menschen immer zu uns kommen – oder können wir zu ihnen gehen?

Seelsorge kann zu Hause, in einer Wohneinrichtung, im Krankenhaus oder an einem anderen vertrauten Ort stattfinden. Auch telefonische, digitale oder schriftliche Seelsorge kann Zugänge eröffnen. Entscheidend ist ein Rahmen, in dem Begegnung und ein vertraulicher Austausch möglich sind.

Kommunikation kann unterschiedlich sein

Ein seelsorglicher Kontakt lebt von Kommunikation. Aber Kommunikation bedeutet nicht für alle Menschen dasselbe.

  • Manche Menschen brauchen Leichte oder Einfache Sprache.

  • Andere kommunizieren in Gebärdensprache oder mit Unterstützter Kommunikation.

  • Manche Menschen können sich schriftlich besser ausdrücken als mündlich.

  • Menschen mit Hör- oder Sehbeeinträchtigungen benötigen möglicherweise andere Rahmenbedingungen.

  • Auch neurodivergente Menschen oder Menschen mit psychischen Belastungen oder Erkrankungen können unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Inklusive Seelsorge bedeutet deshalb nicht, eine besondere Gesprächsmethode für alle zu erlernen. Es geht um die Bereitschaft, unterschiedliche Wege der Kommunikation zu ermöglichen. Nicht der Mensch muss sich an die Seelsorge anpassen. Seelsorge sollte Wege finden, Begegnung und Kommunikation zu ermöglichen.

Seelsorge braucht nicht immer viele Worte

Seelsorge wird häufig als Gespräch verstanden. Doch Begegnung und Verständigung sind auch ohne viele Worte möglich.

Manchmal kann es hilfreich sein, gemeinsam zu schweigen, eine Kerze anzuzünden, ein Bild anzuschauen oder Musik zu hören. Auch ein Gebet, ein Segen, eine Geste oder ein Symbol können ausdrücken, wofür Worte fehlen.
Für manche Menschen sind Bilder, Gebärden, Symbole oder andere Formen des Ausdrucks ohnehin ein selbstverständlicher Teil ihrer Kommunikation.

Dabei gilt auch hier: Nicht jede Form passt für jeden Menschen. Was als tröstlich oder stärkend erlebt wird, ist individuell. Auch ein Gebet, eine Berührung oder ein religiöses Symbol sollte deshalb nicht selbstverständlich vorausgesetzt, sondern angeboten und mit der Person abgestimmt werden.

Inklusive Seelsorge nimmt unterschiedliche Ausdrucksformen ernst. Sie sollte Raum schaffen für Worte und für Stille, für Sprache und andere Formen der Kommunikation – und manchmal auch einfach für das gemeinsame Dasein.

Fragen statt voraussetzen

Seelsorgende können und müssen nicht für jede Behinderung, Erkrankung oder Form der Kommunikation Expert*innen sein.

Wichtiger ist die Bereitschaft nachzufragen:

  • Was brauchen Sie, damit wir uns gut verständigen können?

  • Gibt es etwas, das unsere Begegnung für Sie erleichtert?

Solche Fragen lassen Raum für individuelle Antworten, denn auch Menschen mit derselben Behinderung können ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Inklusive Seelsorge bedeutet deshalb, nicht vorschnell zu wissen, was für einen anderen Menschen gut oder hilfreich ist. Sie sollte Menschen mit ihren eigenen Erfahrungen ernst nehmen und gemeinsam mit ihnen nach einem passenden Weg suchen.

Seelsorge auf Augenhöhe

Menschen mit Behinderungen sind nicht in erster Linie Menschen, die Hilfe oder Fürsorge benötigen. Sie kommen in die Seelsorge mit ihren Erfahrungen und Beziehungen, ihren Fähigkeiten und Ressourcen, ihren Fragen und Hoffnungen – und mit ihrem eigenen Glauben oder ihren Zweifeln.

Seelsorge auf Augenhöhe bedeutet deshalb auch, die eigenen Vorstellungen und Bilder von Behinderung zu hinterfragen.

Das gilt besonders dort, wo Glaube, Behinderung und Heilung miteinander verbunden werden. Ein ungefragtes Gebet um Heilung oder die Vorstellung, eine Behinderung müsse überwunden werden, kann verletzend sein. Sie kann vermitteln, dass ein Leben mit Behinderung ein Leben ist, das eigentlich anders sein sollte.

Inklusive Seelsorge respektiert deshalb die Deutungshoheit des Menschen über das eigene Leben. Die Person selbst entscheidet, was sie als belastend erlebt, worüber sie sich austauschen möchte, was sie verändern möchte – und auch, wofür gebetet werden soll.

Wenn andere Menschen dabei sind

Manchmal sind Angehörige, Assistenzpersonen oder Gebärdensprachdolmetscher*innen bei einem seelsorgerischen Gespräch dabei. Auch dann bleibt die Person, die Seelsorge sucht, das Gegenüber.

Die Kommunikation richtet sich möglichst direkt an sie. Gemeinsam wird geklärt, welche Unterstützung gewünscht ist und wer bei der seelsorgerischen Begegnung dabei sein soll.

Selbstbestimmung und Vertraulichkeit

Inklusive Seelsorge nimmt Menschen als selbstbestimmte Personen ernst. Das gilt selbstverständlich auch für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder kognitiven Beeinträchtigungen.

Damit Menschen selbst entscheiden können, braucht es verständliche und zugängliche Informationen. Seelsorgende sollten vermitteln, was Seelsorge ist, was bei einer seelsorglichen Begegnung geschehen kann und wie mit dem Anvertrauten umgegangen wird. Dabei sollten sie Kommunikations- und Ausdrucksformen nutzen, die für die jeweilige Person passend sind. Dazu können Leichte oder Einfache Sprache ebenso gehören wie Bilder, Symbole, Gebärden oder andere Formen Unterstützter Kommunikation.

Auch während einer seelsorglichen Begegnung ist es wichtig, darauf zu achten, ob die Person die Begegnung und das, was gerade geschieht, möchte und sich damit wohlfühlt. Zustimmung ist nicht nur eine einmalige Frage zu Beginn. Menschen dürfen ein Thema oder ein Angebot ablehnen, eine Pause brauchen oder die Begegnung beenden. Zustimmung und Ablehnung können dabei auch ohne Worte zum Ausdruck gebracht werden.

Wenn andere Personen die Kommunikation unterstützen, bleibt die Person selbst das Gegenüber der Seelsorge. Unterstützung darf nicht dazu führen, dass über ihren Kopf hinweg kommuniziert oder entschieden wird.

Für inklusive Seelsorge gilt selbstverständlich das Seelsorgegeheimnis. Was Menschen in der Seelsorge anvertrauen, ist geschützt. Sind weitere Personen an der seelsorglichen Begegnung beteiligt, etwa zur Assistenz oder zur Unterstützung der Kommunikation, muss auch in dieser Situation die Vertraulichkeit gewahrt werden.

Inklusive Seelsorge bedeutet deshalb auch, immer wieder zu fragen:

  • Versteht die Person, was gerade geschieht?

  • Kann sie ihre Wünsche und Bedürfnisse auf ihre Weise zum Ausdruck bringen?

  • Werden ihre Zustimmung und ihre Ablehnung wahrgenommen und respektiert?

  • Und bekommt sie die Unterstützung, die sie dafür braucht?

Eine Haltung des Zuhörens und Lernens

Inklusive Seelsorge und der Abbau von Barrieren bedeuten nicht, für jede Situation bereits die perfekte Lösung zu kennen. Auch Seelsorgende werden auf Situationen treffen, in denen sie unsicher sind oder zunächst nicht wissen, welcher Weg der richtige ist.

Entscheidend ist die Bereitschaft, zuzuhören, wahrzunehmen, nachzufragen und gemeinsam passende Wege zu suchen.

Vielleicht beginnt inklusive Seelsorge deshalb mit einer ganz einfachen Frage:

Was brauchen Sie, damit wir einander gut begegnen können?

Und mit der Bereitschaft, die Antwort darauf wirklich ernst zu nehmen.

Die vielfältigen Recherchen für die Reihe "Kirche ohne Barrieren" hat Maret Zedler (FÖJ bei der Infostelle Klimagerechtigkeit) durchgeführt.

Auf dem Bild ist die FÖJlerin Maret Zedler zu sehen, sie hat braune, halblange Haare und lächelt in die Kamera. Maret trägt eine rote Winterjacke, im Hintergrund ist eine schneebedeckte Landschaft zu sehen.