Mitreden. Mitentscheiden. Mitgestalten.
Dazugehören heißt mehr als dabei zu sein
Die Tür ist offen. Ich kann hineinkommen. Ich kann an einem Gottesdienst, einer Veranstaltung oder einem Angebot teilnehmen. Aber gehöre ich damit schon wirklich dazu?
Eine inklusive Kirche fragt nicht nur, ob Menschen mit Behinderungen teilnehmen können. Sie fragt auch: Sind ihre Erfahrungen, Ideen und Fähigkeiten gefragt? Können sie mitreden, mitentscheiden und Kirche mitgestalten? Denn: dabei zu sein ist noch nicht dasselbe wie dazuzugehören.
Vom Teilnehmen zum Mitgestalten
Menschen mit Behinderungen wurden lange vor allem als Menschen gesehen, die Unterstützung, Begleitung oder besondere Angebote benötigen. Auch in Kirche und Diakonie wirkt diese Perspektive teilweise bis heute nach. Die UN-Behindertenrechtskonvention setzt einen anderen Akzent: Menschen mit Behinderungen haben das Recht, gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Dazu gehört auch, die eigenen Interessen zu vertreten und an Entscheidungen beteiligt zu sein.
Für Kirche bedeutet das einen Perspektivwechsel: Menschen mit Behinderungen sind nicht nur Teilnehmende kirchlicher Angebote. Sie bringen Erfahrungen, Wissen, Ideen, Fähigkeiten und ihren Glauben mit.
Es geht um Teilhabe – und um Teilgabe.
Kirche verändert sich, wenn unterschiedliche Menschen sie mitgestalten.
Wer sitzt mit am Tisch?
Bei der Planung einer Veranstaltung fragen wir vielleicht: Was brauchen Menschen mit Behinderungen, damit sie teilnehmen können? Das ist wichtig. Aber die nächste Frage lautet:
Wer plant eigentlich mit?
Sind Menschen mit Behinderungen in Vorbereitungsteams, Arbeitsgruppen, Beiräten oder anderen Gremien vertreten? Werden sie beteiligt, bevor Entscheidungen getroffen werden? Oder werden sie erst gefragt, wenn das Konzept bereits steht?
Der Grundsatz „Nichts über uns ohne uns“ bedeutet mehr, als sich nachträglich eine Rückmeldung einzuholen. Menschen mit Behinderungen bringen eigenes Erfahrungswissen mit. Dieses Wissen sollte möglichst von Anfang an einbezogen werden – dort, wo Ideen entstehen, Prioritäten gesetzt und Entscheidungen vorbereitet werden.
Dabei geht es nicht darum, dass einzelne Menschen „für alle Menschen mit Behinderungen“ sprechen. Erfahrungen, Bedürfnisse und Sichtweisen sind unterschiedlich. Umso wichtiger ist es, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen.
💡 Praxistipp:
Schauen Sie zuerst in die eigene Gemeinde oder Einrichtung: Wer ist schon da? Wer bringt eigene Erfahrungen mit Barrieren und Behinderung mit? Laden Sie Menschen ein, sich mit ihren Erfahrungen, Interessen und Fähigkeiten einzubringen. Aber: Niemand muss aufgrund der eigenen Behinderung automatisch für das Thema „Inklusion“ zuständig sein.
Beteiligung braucht Zugänge
Eine Einladung zur Mitarbeit allein reicht nicht. Wer mitreden und mitentscheiden soll, braucht Bedingungen, unter denen das auch möglich ist.
Sind Sitzungsunterlagen rechtzeitig verfügbar? Ist der Raum zugänglich? Können digitale Sitzungen barrierearm genutzt werden? Stehen bei Bedarf Gebärdensprachdolmetschung, Assistenz oder andere Formen der Kommunikationsunterstützung zur Verfügung? Gibt es genügend Zeit, Informationen zu erfassen und sich eine Meinung zu bilden?
Auch die Art, wie Sitzungen gestaltet werden, spielt eine Rolle. Wenn viele Menschen gleichzeitig sprechen, Fachbegriffe selbstverständlich vorausgesetzt werden oder umfangreiche Unterlagen erst kurz vor einer Sitzung verschickt werden, entstehen Barrieren.
Gleichberechtigte Beteiligung bedeutet dabei nicht, dass alle Menschen dasselbe brauchen. Manchmal sind Assistenz, mehr Zeit, eine andere Form der Kommunikation oder technische Unterstützung die Voraussetzung dafür, die eigenen Fähigkeiten einbringen zu können. Deshalb lohnt sich die Frage: „Was brauchen Sie, damit Sie sich gut beteiligen können?“
💡 Praxistipp:
Betrachten Sie eine Sitzung oder einen Beteiligungsprozess einmal aus unterschiedlichen Perspektiven: Sind Informationen frühzeitig und verständlich verfügbar? Ist der Ort zugänglich? Können alle gut hören, sehen und kommunizieren? Gibt es genügend Zeit? Und ist notwendige Unterstützung organisiert?
Verstehen, worüber entschieden wird
Mitbestimmung setzt Information voraus. Wer nicht versteht, worum es geht oder welche Folgen eine Entscheidung haben kann, kann nur schwer eine eigene Position entwickeln. Verständliche Sprache und zugängliche Informationen sind deshalb Voraussetzungen für Beteiligung. Es geht nicht darum, Entscheidungen einfacher zu machen, sondern Informationen so zugänglich zu machen, dass Menschen selbst entscheiden können.
Gefragt werden – und Einfluss haben
Beteiligung kann sehr unterschiedlich aussehen. Menschen können nach ihrer Meinung gefragt werden. Sie können Ideen einbringen, an Planungen mitarbeiten oder in Gremien mitentscheiden. Doch nicht jede Form der Beteiligung bedeutet automatisch, dass Menschen tatsächlich Einfluss haben.
Wenn eine Entscheidung längst gefallen ist, bevor Menschen beteiligt werden, bleibt Mitwirkung schnell symbolisch. Gleiches gilt, wenn Rückmeldungen zwar gesammelt werden, anschließend aber unklar bleibt, was damit geschieht.
Deshalb gehört zu guter Beteiligung auch Transparenz: Was können wir gemeinsam entscheiden? Wo gibt es Grenzen? Was geschieht mit den eingebrachten Ideen? Und wer trifft am Ende die Entscheidung?
So entstehen realistische Erwartungen – und Beteiligung wird ernst genommen.
💬 Zum Weiterdenken:
Wer sitzt bei uns mit am Tisch?
- Wessen Erfahrungen hören wir?
- Wer kann tatsächlich mitentscheiden?
- Welche Stimmen fehlen?
- Und was müssten wir verändern, damit sie gehört werden können?
Menschen sind mehr als ihre Behinderung
Beteiligung bedeutet auch, darauf zu achten, wer bisher nicht mit am Tisch sitzt. Dabei sollten Menschen jedoch nicht allein wegen ihrer Behinderung angesprochen werden. Ein Mensch mit Behinderung muss nicht automatisch „für das Thema Inklusion“ zuständig sein. Menschen bringen ganz unterschiedliche Interessen und Kompetenzen mit – für Finanzen, Musik, Theologie, Öffentlichkeitsarbeit, Jugendarbeit, Baufragen oder vieles andere.
Inklusion zeigt sich auch darin, dass Menschen nicht auf ein Merkmal reduziert werden.
Vielleicht möchte eine Rollstuhlnutzerin gar nicht in der Arbeitsgruppe Barrierefreiheit mitarbeiten, sondern im Chor singen. Vielleicht interessiert sich ein gehörloser Mensch für Finanzen. Und vielleicht möchte ein Mensch mit Lernschwierigkeiten bei der Gestaltung eines Gottesdienstes mitwirken.
Die entscheidende Frage ist nicht nur: Wo können wir die Erfahrung dieses Menschen gebrauchen? Sondern auch: Was möchte dieser Mensch selbst einbringen?
Teilhabe und Teilgabe
Eine inklusive Kirche fragt nicht nur: Wie können Menschen mit Behinderungen bei uns dabei sein?
Sie fragt auch: Was können wir voneinander lernen? Welche Erfahrungen, Fähigkeiten und Ideen fehlen unserer Kirche, wenn Menschen nicht mitgestalten können?
Damit verändert sich die Perspektive. Menschen werden nicht vor allem danach betrachtet, welche Unterstützung sie benötigen. Sichtbar wird auch, was sie selbst beitragen.
Das meinen wir mit Teilhabe und Teilgabe: dazugehören, beteiligt sein und die Möglichkeit haben, die eigenen Gaben einzubringen.
Mitgestalten heißt auch Verantwortung übernehmen
Wer mitreden und mitentscheiden kann, möchte vielleicht noch einen Schritt weitergehen: eine Aufgabe übernehmen, ein Projekt leiten, sich ehrenamtlich engagieren oder beruflich in Kirche arbeiten.
Auch dann stellt sich die Frage nach Barrieren neu.
Denn eine inklusive Kirche braucht nicht nur barrierearme Veranstaltungen und Beteiligungsmöglichkeiten. Sie braucht auch Strukturen, in denen Menschen mit Behinderungen Verantwortung übernehmen und ihre Fähigkeiten einbringen können.
Die vielfältigen Recherchen für die Reihe "Kirche ohne Barrieren" hat Maret Zedler (FÖJ bei der Infostelle Klimagerechtigkeit) durchgeführt.