Wer entscheidet eigentlich, was Menschen mit Behinderungen brauchen?
Lange Zeit haben häufig andere diese Entscheidungen getroffen – Eltern, Fachleute, Behörden oder Einrichtungen. Oft geschah das mit guten Absichten. Doch dabei blieb die wichtigste Stimme manchmal ungehört: die der Menschen selbst.
Genau hier setzt der Grundsatz „Nichts über uns ohne uns“ an. Er ist einer der wichtigsten Leitgedanken der internationalen Behindertenrechtsbewegung und prägt auch die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK).
Der Satz erinnert daran: Beteiligung beginnt mit Zuhören.
Menschen mit Behinderungen sind Expert*innen in eigener Sache
Jeder Mensch kennt sein eigenes Leben am besten. Menschen mit Behinderungen wissen selbst, wo Barrieren entstehen, welche Unterstützung sie benötigen und was sich verändern muss. Deshalb spricht man auch von Selbstvertretung: Menschen setzen sich selbst für ihre Rechte und Interessen ein und gestalten Veränderungen aktiv mit.
Dieser Perspektivwechsel ist ein zentrales Anliegen der UN-Behindertenrechtskonvention. Menschen mit Behinderungen sind nicht Objekte von Fürsorge oder Versorgung. Sie sind Trägerinnen und Träger eigener Rechte. Ihre Erfahrungen und ihre Sichtweisen sind unverzichtbar, wenn es darum geht, eine inklusive Gesellschaft zu gestalten.
Beteiligung ist ein Menschenrecht
Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert, dass Menschen mit Behinderungen an allen Entscheidungen beteiligt werden, die sie betreffen. Das gilt für politische Entscheidungen ebenso wie für die Gestaltung von Schulen, Arbeitsplätzen, Freizeitangeboten oder öffentlichen Gebäuden.
Beteiligung bedeutet dabei mehr, als nach einer fertigen Planung um eine Meinung zu bitten. Sie beginnt dort, wo Ideen entstehen. Menschen mit Behinderungen sollen ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Perspektiven von Anfang an einbringen können. Denn nur so entstehen Entscheidungen, die den tatsächlichen Bedürfnissen gerecht werden.
Beteiligung braucht gute Rahmenbedingungen
Damit Beteiligung wirklich gelingt, müssen Barrieren abgebaut werden. Informationen müssen verständlich sein. Räume und Veranstaltungen müssen zugänglich sein. Manche Menschen benötigen Assistenz, Gebärdensprachdolmetschung oder mehr Zeit, um ihre Meinung einzubringen.
Beteiligung geschieht deshalb nicht von selbst. Sie braucht eine bewusste Gestaltung und die Bereitschaft, unterschiedliche Bedürfnisse mitzudenken. Erst dann können Menschen ihre Rechte tatsächlich wahrnehmen und ihre Erfahrungen einbringen.
Was bedeutet das für unser kirchliches Miteinander?
Wenn wir Kirche inklusiv gestalten möchten, lohnt sich die Frage:
Entwickeln wir Angebote für Menschen mit Behinderungen – oder gestalten wir Kirche gemeinsam mit ihnen?
Inklusion beginnt nicht erst beim Abbau von Barrieren. Sie beginnt dort, wo wir Menschen mit Behinderungen von Anfang an beteiligen und ihre Erfahrungen, Perspektiven und Begabungen einbeziehen. Das kann bei der Planung eines Gottesdienstes beginnen und bis zur Mitarbeit in Ausschüssen, Projekten oder Leitungsaufgaben reichen.
Vielleicht beginnt Inklusion daher sogar mit der einfachen Frage: Wen haben wir bisher noch nicht gefragt?
Beteiligung beginnt mit Zuhören
Zuhören heißt mehr, als Worte zu hören. Es bedeutet, Erfahrungen ernst zu nehmen, Perspektiven zu verstehen und bereit zu sein, sich von ihnen verändern zu lassen.
Genau darin liegt der Kern des Grundsatzes „Nichts über uns ohne uns“. Inklusion bedeutet nicht, für andere zu entscheiden. Sie bedeutet, Entscheidungen gemeinsam zu entwickeln.
Auch das christliche Menschenbild weist in diese Richtung. In den biblischen Geschichten begegnet Jesus Menschen nicht als Objekten seiner Fürsorge. Er spricht sie an, hört ihnen zu, fragt nach ihren Wünschen und nimmt sie ernst. Aus dieser Haltung entsteht Gemeinschaft auf Augenhöhe.
Eine inklusive Kirche wächst dort, wo Menschen nicht nur willkommen sind, sondern ihre Erfahrungen, ihre Gaben und ihre Perspektiven selbstverständlich einbringen können. Denn: Beteiligung beginnt mit Zuhören.
💡 Zum Weiterdenken
Bei der nächsten Planung eines Gottesdienstes, einer Veranstaltung oder eines Projekts können diese Fragen helfen:
Haben wir Menschen mit Behinderungen von Anfang an beteiligt?
Wen haben wir bisher noch nicht gefragt?
Welche Barrieren könnten einer Beteiligung im Weg stehen?
Was brauchen Menschen, damit sie ihre Erfahrungen, Ideen und Gaben einbringen können?
Nichts über uns ohne uns
Wer weiß am besten,
was Menschen mit Behinderungen brauchen?
Die Antwort ist:
Die Menschen selbst.
Früher haben oft andere Menschen entschieden.
Zum Beispiel:
Eltern,
Lehrer,
Ärztinnen und Ärzte
oder Behörden.
Sie wollten helfen.
Aber oft haben sie die Menschen mit Behinderungen
nicht gefragt.
Das soll heute anders sein.
Darum gibt es den Satz:
Nichts über uns ohne uns.
Der Satz bedeutet:
Menschen mit Behinderungen sollen selbst mitreden.
Sie sollen mitentscheiden.
Sie sollen mitgestalten.
was sie brauchen
Menschen mit Behinderungen kennen ihren Alltag.
Sie wissen:
Wo es Barrieren gibt.
Welche Unterstützung sie brauchen.
Was sich ändern muss.
Darum sagt man:
Menschen mit Behinderungen sind Expertinnen und Experten in eigener Sache.
Sie kennen ihr Leben am besten.
Das nennt man auch Selbstvertretung.
Selbstvertretung bedeutet:
Menschen mit Behinderungen setzen sich
selbst für ihre Rechte ein.
Sie sagen,
was wichtig ist.
Und sie gestalten Veränderungen mit.
Die UN hat eine Vereinbarung gemacht.
Die Vereinbarung heißt:
UN-Behindertenrechts-Konvention.
Die Abkürzung ist:
UN-BRK.
In der UN-BRK steht:
Menschen mit Behinderungen
müssen beteiligt werden.
Das gilt immer dann,
wenn Entscheidungen sie betreffen.
Zum Beispiel:
in der Schule,
bei der Arbeit,
in der Politik,
in der Freizeit
oder in der Kirche.
Beteiligung bedeutet:
Menschen werden gefragt,
bevor Entscheidungen getroffen werden.
Sie können ihre Erfahrungen
und ihre Ideen einbringen.
Beteiligung klappt nicht von allein.
Manchmal gibt es Barrieren.
Zum Beispiel:
Informationen sind schwer zu verstehen.
Ein Gebäude ist nicht barrierefrei.
Es gibt keine Gebärdensprach-Dolmetschung.
Menschen brauchen Assistenz.
Menschen brauchen mehr Zeit.
Diese Barrieren müssen abgebaut werden.
Dann können alle Menschen mitmachen
und mitentscheiden.
Auch in der Kirche sollen Menschen
mit Behinderungen mitmachen.
Sie sollen nicht nur dabei sein.
Sie sollen auch mitentscheiden.
Zum Beispiel:
bei Gottesdiensten,
bei Veranstaltungen,
in Gruppen,
in Projekten
und in Ausschüssen.
Alle Menschen bringen
Erfahrungen,
Ideen
und Begabungen mit.
Das ist gut für die Kirche.
Zuhören ist wichtig.
Zuhören bedeutet:
Menschen ernst nehmen.
Fragen stellen.
Erfahrungen beachten.
Gemeinsam nach Lösungen suchen.
Auch Jesus hat Menschen zugehört.
Er hat sie ernst genommen.
Er hat sie gefragt,
was sie brauchen.
So sind Menschen einander
auf Augenhöhe begegnet.
Eine inklusive Kirche entsteht dort,
wo alle Menschen mitreden,
mitentscheiden
und mitgestalten können.
Denn:
Beteiligung beginnt mit Zuhören.
Bei der Planung
von einem Gottesdienst,
einer Veranstaltung
oder einem Projekt
können diese Fragen helfen:
Haben wir Menschen mit Behinderungen von Anfang an beteiligt?
Wen haben wir bisher noch nicht gefragt?
Welche Barrieren gibt es?
Was brauchen Menschen, damit sie ihre Erfahrungen, Ideen und Begabungen einbringen können?
Hinweis: Dieser Text orientiert sich an den Regeln der Leichten Sprache. Er wurde nicht von Menschen mit Lernschwierigkeiten geprüft.
Die vielfältigen Recherchen für die Reihe "Kirche ohne Barrieren" hat Maret Zedler (FÖJ bei der Infostelle Klimagerechtigkeit) durchgeführt.