Barrieren in den Köpfen – wie unsere Vorstellungen Teilhabe verhindern können
Eine Person im Rollstuhl kommt zum Gottesdienst. Sofort eilt jemand herbei, um zu helfen – ohne vorher zu fragen, ob Unterstützung gewünscht ist. Eine ehrenamtlich engagierte Frau mit einer chronischen Erkrankung kann nicht regelmäßig an Abendveranstaltungen teilnehmen. Andere halten sie deshalb für wenig zuverlässig. Ein blinder Mann übernimmt eine Lesung im Gottesdienst und wird anschließend dafür bewundert, dass er das „trotz seiner Behinderung“ so gut gemacht hat.
Solche Situationen können auch im kirchlichen Alltag vorkommen. Häufig stehen dahinter keine bösen Absichten. Menschen möchten helfen, Rücksicht nehmen oder Anerkennung ausdrücken. Und doch können sie dabei andere unterschätzen, bevormunden oder auf einzelne Merkmale reduzieren. Denn Barrieren entstehen nicht nur durch Treppen, fehlende Aufzüge oder unverständliche Informationen. Sie entstehen auch durch unsere Vorstellungen davon, was Menschen können, brauchen oder leisten sollten.
Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht
Hilfsbereitschaft und Fürsorge gehören zum christlichen Selbstverständnis. Wir möchten füreinander da sein und Menschen unterstützen. Doch Hilfe kann auch bevormundend sein, wenn wir ungefragt entscheiden, was für andere Menschen gut ist.
Vielleicht gehen wir selbstverständlich davon aus, dass eine Person mit Sehbehinderung Begleitung benötigt. Oder wir sprechen mit der Assistenzperson, statt uns direkt an den Menschen zu wenden, den wir eigentlich ansprechen möchten. Manchmal nehmen wir anderen Aufgaben ab, obwohl sie diese selbst übernehmen könnten und möchten.
Dabei geht es nicht darum, weniger hilfsbereit zu sein. Vielmehr sollten wir uns fragen: Trauen wir unserem Gegenüber zu, selbst zu entscheiden? Fragen wir nach, bevor wir handeln? Und akzeptieren wir auch, wenn jemand unsere Hilfe nicht möchte?
Hilfe auf Augenhöhe beginnt damit, den anderen Menschen ernst zu nehmen – mit seinen Wünschen, Entscheidungen und Fähigkeiten.
Wenn unsere Vorstellungen Menschen begrenzen
Wir alle haben Bilder im Kopf. Sie entstehen durch Erfahrungen, Erziehung, Medien und gesellschaftliche Vorstellungen. Manche helfen uns, Situationen einzuordnen. Andere führen dazu, dass wir Menschen vorschnell beurteilen.
Bei Menschen mit Behinderungen geschieht das beispielsweise, wenn wir aus einer sichtbaren Beeinträchtigung auf andere Fähigkeiten schließen. Wer einen Rollstuhl nutzt, wird möglicherweise auch in seiner geistigen Leistungsfähigkeit unterschätzt. Wer Schwierigkeiten beim Sprechen hat, wird vielleicht für weniger kompetent gehalten.
Doch auch nicht sichtbare Behinderungen und Beeinträchtigungen können zu Vorurteilen führen. Dazu gehören beispielsweise bestimmte chronische oder psychische Erkrankungen, Formen von Neurodivergenz oder Sinnesbeeinträchtigungen. Nicht jede dieser Beeinträchtigungen ist automatisch eine Behinderung. Sie können aber die Teilhabe erheblich erschweren, insbesondere wenn notwendige Unterstützung fehlt oder Bedürfnisse nicht ernst genommen werden.
Eine Mitarbeitende mit ADHS benötigt beispielsweise klare Absprachen und schriftliche Informationen. Statt diese als hilfreiche Arbeitsbedingungen zu verstehen, wird ihr mangelnde Selbstorganisation unterstellt. Ein Mitarbeitender mit einer Hörbeeinträchtigung bittet darum, dass bei einer Sitzung nicht durcheinandergesprochen wird. Weil ihm die Beeinträchtigung nicht anzusehen ist, wird sein Anliegen möglicherweise als übertrieben empfunden.
So werden manche Menschen aufgrund einer sichtbaren Behinderung unterschätzt, während andere sich rechtfertigen müssen, weil ihre Beeinträchtigung nicht erkennbar ist.
Gemeinsam ist diesen Erfahrungen, dass Menschen anhand vermeintlicher Normalitätsvorstellungen beurteilt werden, statt sie in ihrer Individualität wahrzunehmen.
Diese Form der Benachteiligung wird als Ableismus bezeichnet.
💡 Was bedeutet Ableismus?
Ableismus bezeichnet die Bewertung und Benachteiligung von Menschen aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener körperlicher, geistiger oder psychischer Fähigkeiten.
Der Begriff kommt vom englischen Wort able, das „fähig“ bedeutet.
Hinter Ableismus steht häufig die Vorstellung, es gebe einen „normalen“ Körper, einen „normalen“ Geist und bestimmte Fähigkeiten, über die alle Menschen verfügen sollten.
Ableismus zeigt sich beispielsweise, wenn Menschen mit Behinderungen grundsätzlich als hilfsbedürftig wahrgenommen, unterschätzt oder wegen alltäglicher Leistungen außergewöhnlich bewundert werden. Er kann sich aber auch darin äußern, dass nicht sichtbare Beeinträchtigungen angezweifelt werden.
Ableismus geschieht nicht immer bewusst oder in böser Absicht. Er zeigt sich sowohl im Verhalten einzelner Menschen als auch in gesellschaftlichen Erwartungen und Strukturen.
Zum Weiterlesen: Wer sich ausführlicher mit Ableismus, gesellschaftlichen Vorstellungen von Behinderung und den dahinterliegenden Mechanismen beschäftigen möchte, findet weitere Hintergründe im Beitrag „Ableismus und Behindertenfeindlichkeit“ von Rebecca Maskos bei der Bundeszentrale für politische Bildung.
Was gilt eigentlich als normal?
In unserer Gesellschaft haben Selbstständigkeit, Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit und Flexibilität einen hohen Stellenwert. Wer möglichst viel ohne Unterstützung schafft, gilt häufig als besonders kompetent und erfolgreich. Auch in Kirche und Diakonie begegnen uns solche Erwartungen. Wir freuen uns über Menschen, die zuverlässig mitarbeiten, Verantwortung übernehmen, flexibel einsetzbar sind und möglichst wenig Unterstützung benötigen.
Doch was geschieht, wenn Menschen diesen Erwartungen nicht entsprechen?
Wenn jemand häufiger Pausen braucht, Aufgaben anders erledigt oder mehr Zeit benötigt? Wenn eine Person nicht spontan auf Veränderungen reagieren kann oder auf Unterstützung angewiesen ist? Schnell entstehen Bewertungen: nicht belastbar genug, zu kompliziert, wenig flexibel oder nicht ausreichend selbstständig. Dabei übersehen wir leicht, dass unsere Vorstellungen von Normalität nicht für alle Menschen gleichermaßen passen. Und dass Unterstützung zu benötigen keineswegs bedeutet, weniger selbstbestimmt zu sein.
Vielleicht müssen wir deshalb nicht nur unsere Vorstellungen von Behinderung hinterfragen, sondern auch unsere Vorstellungen davon, was Menschen können und leisten müssen, um als vollwertige Mitglieder unserer Gemeinschaft wahrgenommen zu werden.
Wenn Anerkennung zur Zuschreibung wird
Nicht jede Form von Ableismus ist auf den ersten Blick negativ. Manchmal zeigt sie sich gerade in besonders wohlmeinenden Aussagen. „Toll, dass Sie das trotz Ihrer Behinderung machen!“ Oder: „Ich finde es bewundernswert, wie Sie Ihr Leben meistern!“
Solche Sätze sollen Anerkennung ausdrücken. Sie können aber auch vermitteln, dass Menschen mit Behinderungen grundsätzlich weniger zugetraut wird als anderen. Was bei Menschen ohne Behinderung selbstverständlich erscheint, wird bei ihnen als außergewöhnliche Leistung betrachtet.
Natürlich dürfen wir Leistungen würdigen und uns über Erfolge freuen. Entscheidend ist, wofür wir einen Menschen loben: für eine tatsächliche Leistung oder allein dafür, dass er mit einer Behinderung lebt?
Auch Mitleid kann den Blick verengen. Wer Behinderung vor allem mit Leid, Verzicht oder Abhängigkeit verbindet, übersieht leicht, wie unterschiedlich Menschen mit Behinderungen ihr Leben gestalten und erleben.
Was unser christliches Menschenbild damit zu tun hat
Für Christ*innen gibt es eine wichtige Grundlage: Jeder Mensch ist nach Gottes Ebenbild geschaffen. Diese Überzeugung findet sich bereits am Anfang der Bibel (1. Mose 1,27). Sie bedeutet, dass die Würde eines Menschen nicht davon abhängt, wie leistungsfähig, gesund, selbstständig oder erfolgreich er ist.
Das klingt selbstverständlich. Doch auch in Kirche und Diakonie sind wir von gesellschaftlichen Vorstellungen darüber geprägt, was Menschen können sollten, was als normal gilt und wer Unterstützung benötigt. Unser christliches Menschenbild erinnert uns daran, dass Menschen nicht erst bestimmte Voraussetzungen erfüllen müssen, um wertvoll zu sein.
Auch unser Verständnis von Nächstenliebe kann uns helfen, die eigene Haltung zu hinterfragen. Nächstenliebe bedeutet nicht, besser zu wissen, was andere Menschen brauchen. Sie bedeutet auch, zuzuhören, nachzufragen und die Entscheidungen des Gegenübers zu respektieren.
In der biblischen Geschichte von Bartimäus (Markus 10,46–52) stellt Jesus eine bemerkenswerte Frage: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Er spricht den blinden Mann direkt an und fragt nach seinem Wunsch. Diese Frage kann auch für uns eine Orientierung sein: Nicht vorschnell zu entscheiden, was jemand braucht, sondern zunächst zuzuhören.
Die Würde eines Menschen ist nicht an bestimmte Fähigkeiten gebunden. Sie ist ihm von Anfang an gegeben.
Welche Bilder vermitteln wir mit unserer Sprache?
Unsere Vorstellungen zeigen sich auch darin, wie wir über Menschen sprechen.
Wenn jemand als „an den Rollstuhl gefesselt“ beschrieben wird, entsteht das Bild eines Menschen, der durch seinen Rollstuhl vor allem eingeschränkt ist. Dabei ist ein Rollstuhl für viele Menschen ein wichtiges Hilfsmittel, das Mobilität und Selbstständigkeit ermöglicht. Auch Formulierungen wie „trotz seiner Behinderung“ können unbeabsichtigt vermitteln, dass bestimmte Fähigkeiten bei Menschen mit Behinderungen nicht zu erwarten seien.
Gerade in kirchlichen Zusammenhängen begegnen uns außerdem Begriffe wie „die Schwachen“, „die Bedürftigen“ oder „die Kranken“. Problematisch wird es, wenn Menschen mit Behinderungen grundsätzlich diesen Gruppen zugeordnet werden.
Eine besondere Herausforderung sind biblische Heilungsgeschichten. Sie gehören zu unserer christlichen Tradition und erzählen von Begegnungen mit Jesus, von Hoffnung und Veränderung. Zugleich sollten wir darauf achten, wie wir sie auslegen. Wenn Heilung ausschließlich als Beseitigung einer Behinderung verstanden wird, kann der Eindruck entstehen, dass ein Leben mit Behinderung weniger vollständig oder weniger lebenswert sei. Dabei darf der Wunsch eines Menschen nach Heilung ebenso ernst genommen werden wie seine Entscheidung, die eigene Behinderung als Teil seines Lebens zu verstehen.
Es geht deshalb nicht darum, bestimmte Worte oder biblische Geschichten grundsätzlich zu vermeiden. Vielmehr sollten wir fragen: Welche Vorstellungen vermitteln wir damit? Und wie wirken sie auf Menschen, die selbst mit einer Behinderung leben?
Den eigenen Blick verändern
Ableistische Vorstellungen lassen sich nicht allein dadurch abbauen, dass wir bestimmte Begriffe vermeiden oder uns vornehmen, niemanden zu benachteiligen. Es braucht die Bereitschaft, die eigenen Gewohnheiten und Erwartungen zu hinterfragen und zuzuhören, wenn Menschen mit Behinderungen von ihren Erfahrungen berichten.
Warum überrascht es uns beispielsweise, wenn ein Mensch mit Behinderung eine verantwortungsvolle Aufgabe übernimmt? Warum bewundern wir manche Menschen für Dinge, die wir bei anderen selbstverständlich finden? Und warum bewerten wir bestimmte Verhaltensweisen als ungewöhnlich oder problematisch, obwohl wir ihre Hintergründe nicht kennen?
Solche Fragen können helfen, die eigenen Denkmuster zu erkennen. Das bedeutet nicht, dass wir immer alles richtig machen müssen. Aber wir können bereit sein, dazuzulernen, Rückmeldungen ernst zu nehmen und unsere Sichtweisen zu verändern.
Denn Barrieren in den Köpfen sind oft besonders hartnäckig. Sie lassen sich nicht durch einen Umbau beseitigen oder mit einer technischen Lösung überwinden. Sie verändern sich dort, wo Menschen bereit sind, ihre eigenen Vorstellungen zu hinterfragen.
Eine inklusive Kirche braucht deshalb nicht nur barrierefreie Räume und Angebote. Sie braucht auch Offenheit für unterschiedliche Lebensweisen, Fähigkeiten und Bedürfnisse – und die Bereitschaft, vermeintliche Selbstverständlichkeiten immer wieder neu zu hinterfragen.
💬 Zum Weiterdenken
Welche Fähigkeiten und Verhaltensweisen halten wir in unserer Gemeinde für selbstverständlich – und wen könnten diese Erwartungen ausschließen?
Wann haben wir Menschen aufgrund einer sichtbaren oder nicht sichtbaren Beeinträchtigung vorschnell beurteilt?
Welche Bilder von Behinderung vermitteln wir durch unsere Sprache, unsere Gottesdienste und unser alltägliches Handeln?
Die vielfältigen Recherchen für die Reihe "Kirche ohne Barrieren" hat Maret Zedler (FÖJ bei der Infostelle Klimagerechtigkeit) durchgeführt.
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Barrieren in den Köpfen – wie unsere Vorstellungen Teilhabe verhindern können
Was sehen wir, wenn wir einem Menschen begegnen? Und was glauben wir zu wissen? Nicht jede Behinderung ist sichtbar. Unsere Vorstellung beeinflusst, wie wir andere wahrnehmen – auch im Gemeindealltag.